POESIEFESTIFAL BERLIN

8 07 2008

 Der deutschen Lyrik geht es prächtig. Sie blüht und gedeiht in tausend Nischen. Ja man müsste von einem regelrechten Lyrikwunder sprechen, wenn man sich die Netzwerke der jungen Poeten ansieht, die in Zeitschriften wie „bella triste“ auf hohem Niveau über ihre Arbeit diskutieren. Allein, was während eines Monats in Berlin an Gedichten entsteht, könnte qualitativ ausreichen, um ein ganzes Jahr junger deutscher Erzählkunst aufzuwiegen.

Der deutschen Lyrik geht es miserabel. Immer weniger Gedichte werden verlegt, verkauft, gelesen, rezensiert, beforscht, schulisch vermittelt. Die vornehmste und älteste Gattung der Literatur ist, was ihre öffentliche Wahrnehmung betrifft, auf Elendsstatus herabgesunken. So das Fazit eines prominent besetzten Colloquiums von Lyrikfachleuten, die zum Beginn des Poesiefestivals am Sonntagmittag im Clubraum der Akademie der Künste einem aufmerksamen, aber nur mäßig berührten Publikum ihre Erkenntnisse darboten: Wer sich mit Lyrik beschäftigt, kennt die Probleme.

Was tun? Thomas Wohlfahrt, Leiter der das Berliner Poesiefestival organisierenden Literaturwerkstatt, verspricht sich Abhilfe von einem nationalen „Haus für die Dichtung“, das – wo sonst – in Berlin angesiedelt sein soll. Solche Zentren gibt es bereits in zahlreichen Ländern. Die Leiter der Institute in New York, Buffalo und Marseille präsentierten ihre unterschiedlich ausgestalteten, meist öffentlich und privat finanzierten Einrichtungen. Diese stellen sicher – und darin liegt ihre wichtigste Funktion –, dass so ziemlich alles, was an Lyrik in Buchform, im Internet und auf CD erscheint, gesammelt und kostenlos zugänglich gemacht wird. Die Bibliotheken und nationalen Archive können diese Aufgabe längst nicht mehr erfüllen. Lesungen, Kolloquien, eigene Publikationen, Stipendien kommen hinzu. Solche Dienstleistungen werden allerdings auch von anderen Institutionen, von Literaturhäusern, Universitäten oder Stiftungen angeboten. Soll man sie einem Lyrikzentrum aufbürden?

 

Eine zweite Diskussionsrunde im Rahmen des Poesiefestivals, bestehend aus den Literaturwissenschaftlern Gert Mattenklott und Jörg Drews, den Verlegern Thomas Sparr (Suhrkamp Verlag) und Daniela Seel (kookbooks), einem Journalisten und einem Dichter, war den Vermittlungsproblemen gewidmet. Für Sparr ist Lyrik per se ein Verlustgeschäft. Ihre Veröffentlichung, sagt er, sei aber eine nie in Zweifel gezogene moralische Verpflichtung und ein ideeller Gewinn für das Verlagsprogramm. Noch skeptischer äußert sich Richard Kämmerlings, Literaturredakteur der „FAZ“, über die Verbreitungschancen von Lyrik. Er prognostiziert dem Gedicht eine unabänderliche Nischenexistenz.

Ist die Lyrik selbst schuld an ihrer geringen Breitenwirkung? Die Runde diskutierte vor allem über die äußeren Hindernisse der Lyrikrezeption. Mattenklott und Drews listen die Versäumnisse des Wissenschaftsbetriebs auf, die an die Schule weitergegeben würden. In den neueren Studiengängen und Lehrplänen haben Gedichte kaum noch Platz. Waren Gedichte früher populärer, will einer aus dem Publikum wissen. Die Experten verneinen dies. Wohl zu Unrecht. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wussten auch weniger gebildete Menschen, was ein Gedicht ist, konnten eines rezitieren, schrieben Gelegenheitsgedichte, hatten ein Poesiealbum, sangen im Männerchor Texte von Eichendorff, lernten Verse von Wilhelm Busch auswendig und Schillers Balladen. Jede Hochkultur gründet sich auf eine volkstümliche Kultur.

Die populäre Lyrikrezeption ist bei uns nicht zuletzt durch den Missbrauch in der Nazizeit und die anschließende pauschale Verdammung in Ost und West in Misskredit geraten. Sie lebt jedoch weiter, im Schlager- und im Songtext. Vielleicht ist auch dies ein Weg, um viele Menschen an die „hohe“ Lyrik heranzuführen. Und vielleicht könnte hier tatsächlich ein „Haus für die Dichtung“ tätig werden, das selbst den Skeptikern des Kolloquiums wünschenswert erschien.

Poesiefestival Berlin, bis 13. Juli, Informationen: www.literaturwerkstatt.org

yp
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 08.07.2008)

 

 

 

 

 


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One response

13 07 2008
dida

ini artikel tentang apaan sih?!
ga ngertiiii….
abis aku anak teknik sih jadi ga pahammm..
tapi aku suka kebudayaan jerman!
apalagi tekhno nya..uhhh..keren!

boleh tak klo artikelnya bhs jerman,disisipi juga translatenya…biar lebih maknyuzzz gitu…
okeh…
tenks

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